Marie-Lou Desmeules

Painting Surgeries

„Painting Surgeries“ lautet der Titel einer Serie von Painting-Performance-Fotografien der in Quebec geborenen Künstlerin Marie-Lou Desmeules.

Mittels eines komplizierten Schöpfungsaktes gelingt es ihr, einen fabelhaften und irritierenden Figurenreigen zum Leben zu erwecken. Die vieldimensionale Natur dieser Werke bewirkt, dass sich der Betrachter schon auf den ersten Blick mit einer Art Bild-Rätsel konfrontiert sieht. Mögliche Antworten auf dieses Rätsel müssen sowohl in der Form als auch im Inhalt des Kunstwerkes recherchiert werden.

Der Schaffenssprozess selbst beginnt mit der Wahl des Models, das als Leinwand fungiert („live canvas“), und endet mit der fotografischen Registrierung seiner Figur in veränderter Gestalt (Artefakt).

Diese Metamorphose einer realen Person zum Kunstwerk findet primär mit dem Mittel der Farbe statt. Doch auch durch die mal mehr und mal weniger radikale Gesichtsdeformation bekommt das Model eine neue Identität.

Aufgrund dieser Verbindung alter Konturen mit einem neuen Inhalt, wird eine veränderte Auffassung des schon Bekannten möglich. Die inhaltlich herausfordernde Vieldeutigkeit gelingt nicht zuletzt deshalb, da sich auch der Schaffensprozess selbst der Einordnung in tradierte Kunstgattungen wie Malerei (bzw. Action-Painting), Collage, Skulptur oder Fotografie versperrt.

Die Bilder der Serie „Painting Surgeries“ sind eine Mischung aller erwähnten Techniken. Diese formelle Vielfältigkeit evoziert zahlreiche Assoziationen aus der Kunstgeschichte: die Malerei von George Baselitz oder Asger Jorn kommt einem in den Sinn (sog. Bad Painting), aber ebenso die Skulpturen von Edward Kienholz oder Duane Hanson (sog. American Social Critic).

Doch auch diese Strömungen sind  zu eng um die Werke Desmeules zu erklären. Sie überschreiten alle erwähnten Paradigmen und werden durch ihre materielle und formelle Vielschichtigkeit zur außergewöhnlichen und selbstständigen Marke. Ihre Einzigartigkeit verdanken sie der Spontanität der intuitiven Kreation, dem geschulten Sinn für Farbe und Komposition als auch Marie-Lou´s Beobachtungsgabe der sozialen Wirklichkeit und ihrer Mystifikationen selbst.

Durch den Titel – „Painting Surgeries“ – wird die Parallelität zwischen Malerei und plastischer Chirurgie hervorgehoben.

Die künstlerische Schöpfung eines Portraits wird der künstlichen Intervention in einen Körper gegenübergestellt. Die phraseologische Spannung zwischen „künstlerisch” und „künstlich“ wird dadurch verdeutlicht und bietet sich als Richtungsmesser für eine weitergehende Lektüre an.

Und dabei wird deutlich, dass es vor allem um die Identitätsveränderungf durch Kreation geht. Die Künstlerin verwendet eine charakteristische Ästhetik, die aus Modemagazinen hinlänglich bekannt zu sein scheint. Doch eben dies Vertraute macht sie verdächtig. Je länger man sie betrachtet, um so mehr wirken Desmeules Schöpfungen wie Phantombilder.

Spuren der Identität leuchten auf, bleiben aber unkonkret. Es bleibt bei einer Paraphrase, die provoziert und beunruhigt. Eine tiefergehendere Betrachtung läßt die Fassade des Bildes abfließen, zurück bleibt ein Rest, der Schein der Kreation, ein nacktes Skelett. So wird diese künstlerische Konstruktion gleichzeitig zur Dekonstruktion der Bilderkultur überhaupt.

Gilt Farbe hier als eine Metapher von Botox? Schon das Auftauchen dieser Frage bewirkt einen leichten Schock Effekt. Funktioniert Berühmtheit derartig einfach und trivial? Festhalten läßt sich: Ein Simulacrum (Baudrillard) ist entstanden. Die Grenze zwischen Realität und Illusion ist auf wirkmächtige Weise verwischt. Die Figur wird zu einem satirischen Objekt maskiert, während unterhalb dieser Maskerade ein ernster Ton vibriert:Anti-Establishment, das sich nicht auf simplen Protest reduzieren läßt.

Kritik ist hier weder die dominierende noch die einzige Bedeutungsebene: Die Figuren der „Painting Surgeries“ sind im Gegenteil zugleich einnehmend und faszinierend wie auch reflexiv-distanzierend.

Ihre Lektüre führt zu einer generellen Reflexion, die sich zwischen der Erfahrung von Vanitas (grotesque memento mori) und einer Apotheose der Selbstdetermination durch die Aura der Kunst situiert. Die Ausstrahlung der Figuren schillert subversiv unentschieden zwischen vitalem Selbstbewusstsein einerseits und totgeweihter, weil jede Regung erfassender Ironie andererseits.

Die Desmeules-Bilder irritieren uns, weil sie uns durch das innere Spiel der visuellen Kultur mit dem aktuellen Kanon der Schönheit eine hartnäckige Frage aufzwingen: Ist es nicht so, dass wir in unserer individuellen Suche nach einem außergewöhnlichen Auftreten, längst  in ein Massenschema geraten sind?

(Kunstkritiker und Kurator) Mat Maria Bieczyński

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